• Studentenleben Osnabrück
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Ein Artikel von Tjark Patermann

Ein Geschichtsstudent ist kein Zeitmaschinen-Astronaut. Das nimmt wohl auch niemand an; dennoch wird einem von anderen immer wieder die Frage gestellt, wie es „denn damals wirklich gewesen ist“. Dies ist fast nie klar zu beantworten. Zum Einen aufgrund des persönlichen Blickwinkels, mit dem man ein bestimmtes Thema betrachtet und zum Anderen, aufgrund der oftmals dünnen Quellenlage.

Wobei das mit der Zeitmaschine ja schon eine interessante Vorstellung ist. Das Studium wäre dann ganz anders aufgebaut. Die Einführungsmodule würden nicht aus Proseminaren und Vorlesungen oder Übungen bestehen; stattdessen würde man anhand lebenspraktischer Übungen in die vier Epochen (Antike, Mittelalter, Frühe Neuzeit, Neueste Geschichte) eingeführt. Man müsste höchste Aufmerksamkeit an den Tag legen, da jedes Wissen über den Verhaltenscodex am mittelalterlichen Hofe als späterer Zeitreisender überlebenswichtig wäre. Anstelle von Hausarbeiten und Protokollen als Prüfungsleistungen stünden Zentrifugen-Training, Beamen und Blitzdingsen auf dem Stundenplan. Man könnte es sich nicht erlauben, am Abend vorher auf ein paar Bier im Grünen Jäger abzuhängen, wahrscheinlich müsste man ganz abstinent bleiben. Und anstelle der mündlichen Prüfung am Ende des Bachelors, bei der man in zwei Gespräche über zwei Themen verwickelt wird, stünde die erste Zeitreise auf dem Programm. Man hätte dann nicht einfach nur seine Studien- und Leistungsbescheinigungen beim Prüfungsamt einzureichen. Stattdessen müsste man sich womöglich den Blutdruck messen lassen, Klimmzüge absolvieren und sich mentalen Belastungstests unterziehen. Und diejenigen, die noch kein Latinum haben, wären nicht nur ein bisschen, sondern so richtig im Hintertreffen, da verpflichtend zu einem 9 Wochen Intensivkurs noch ein sprachpraktisches Semester im Vatikan zu absolvieren wäre. Vielleicht käme man dann allerdings bei einer späteren Zeitreise in den Genuss, festzustellen, dass Cicero in Wirklichkeit Sächsisch gesprochen hat und dass das Lateinische in Wirklichkeit nur eine Fantasiesprache, wie Tolkiens Elbisch, war. Revanchisten (die man in Osnabrück zum Glück kaum antrifft), würden vielleicht feststellen, dass es damals in Oberschlesien doch gar nicht so schön gewesen ist. Und auch so mancher Mittelalter-Mystik-Fan würde vielleicht desillusioniert werden („Fazit vom 3.5.1351: Metall ist schwerer als Plastik. An der Pest zu erkranken ist uncool.“).

Aber auch das normale Geschichtsstudium enttäuscht manchen Studenten, der, Guido Knopp gehyped, von einer Vorlesung ein inneres Donnergrollen und Fanfaren-Tröten erwartet. Es gibt eben keine Zeitmaschinen und deshalb muss der Historiker auf Überbleibsel aus vergangenen Zeiten zurückgreifen, die ihn zum Nachdenken darüber zwingen, wie es damals gewesen sein könnte. Das kann manchmal sehr anstrengend sein. Doch wenn man sich einmal darauf eingelassen hat, wenn sich vor dem inneren Auge Bilder auftun, dann ist Geschichte tatsächlich wie eine Zeitreise.

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In der Serie das Studentenleben der Anderen stellen Studis ihre Fächer vor. Die Texte verraten nicht nur Erstis und Interessenten, was die Friedensstadt uns zu bieten hat, sondern auch älteren Semestern, was ihre Kommillitonen eigentlich den ganzen Tag lang so (nicht) tun.