• Studentenleben Osnabrück
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Nachts im Grünen Jäger, "Und was studierst Du so?". "Theologie." Alle halten inne, hören auf, zu trinken und rauchen, um mit einer fünf-sekündigen Pause ihr Unverständnis, ihre Empörung zum Ausdruck zu bringen, wie man denn Theologie studieren könne. "Aber wenigstens evangelisch?". "Nein – katholisch." Die Pause wird um drei weitere Sekunden verlängert. Es folgen die interessantesten Reaktionen der Kommilitonen:

 

Der eingefleischte Atheist

... wird eventuell versuchen, einen davon zu überzeugen, Gott gebe es nicht oder er sei tot, der Papst sei persönlich für die Existenz von AIDS verantwortlich und der Theologiestudent war damals an Hexenverfolgung und Kreuzzügen beteiligt. Da mag auch was dran sein. Dem Fachfremden sei an dieser Stelle die wichtigste Erkenntnis eines Theologiestudiums mitgegeben: Das Fach von der Lehre von der Rede von Gott hat erst einmal fast nichts mit Kirche zu tun. Hier wird tatsächlich eine Geisteswissenschaft betrieben, kein Vereinsheim. Zweitens: Dieser Verein hat inzwischen über einer Milliarde Mitglieder über den (zugegeben: runden) Globus verteilt. Da herrscht Diversität. Und gerade in Deutschland ist das Spektrum der Katholiken – insbesondere der studierten – vergleichsweise sehr liberal und aufgeschlossen.

 

Der unschlüssige Agnostiker

... sucht ein ernsthaftes Gespräch. Im Idealfall geht es dabei nicht nur darum, nur mal eben kurz drei Stunden lang seinen Standpunkt auf dem Stammtisch auszubreiten, nur um sich angegriffen zu fühlen, sobald kritische Nachfragen oder – wider Erwarten bei jemanden, der an soetwas wie ein Spaghetti-Monster glaubt – etwa Argumente folgen.

 

Der Bruder im Geiste

... glaubt (auch) an Gott und schockiert den kritischen Theologiestudenten mit seinem stehen gebliebenem Kinderglauben. Kreationisten, die die Evolutionstheorie ablehnen, sind hierzulande zum Glück eine Seltenheit. Aber die Bilder von Gott als alter bärtiger Mann über den Wolken, Himmel & Hölle, seltsamen Wunderheilungen durch Jesus etc. bringen den Reli-Studenten nicht nur in Verlegenheit, sondern auch in die Bedrängnis, ständig nach außen hin verkörpern zu müssen, dass eigentlich alles Mumpitz ist, was man vor dem Studium über Religion gehört hat.

 

Der Theologiestudent aus Osnabrück

... wird deswegen keinen Pullunder tragen, sondern in der Erstiwoche, in Kneipen, auf Festivals, im Liebesleben und überhaupt überall betonen, wie weltlich säkularisiert er sozialisiert ist: Wie liberal er ist und wie toll der katholische Glaube zu einem Leben voll Spaß und Empirismus kompatibel ist. Und das ist nicht einmal gelogen: Veranstaltungen zur Bioethik (Klonen, PID, Abtreibung, Sterbehilfe ...); anderen Religionen, Sekten und Kulten, Seminare zur Menschenrechtserklärung, zum Klimawandel als Herausforderung christlicher Sozialethik, kritisch-hermeneutische Bibelexegese uvm. Machen es dem Osnabrücker Katholiken leicht, seinen Kinderglauben hinter sich zu lassen und eine intelligente Möglichkeit zu entwickeln, Theologie mit anderen Wissenschaften und Weltanschauungen zu verbinden. Die meisten der (92% weiblichen) Studierenden werden übrigens nicht Priester, sondern Lehrerinnen und Pädagogen.